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100 Tage Bürgermeister
Foto: Stepniak

100 Tage Bürgermeister

Lesedauer: ca. 5 Min. | Text: _Redaktion _RDN

Seit 100 Tagen ist Shoaiub Nazir jetzt Bürgermeister von Oer-Erkenschwick. Er tastet sich durch Grundsteuer, Rettungsdienstgebühren und den Streit um den Nikolausumzug. Er setzt auf frühe Planung, mehr Sicherheit im Alltag und Bürgerbeteiligung – von Kindern bis Senioren.

Herr Bürgermeister, die ersten 100 Tage im Amt liegen hinter Ihnen. Wie haben Sie diese Anfangszeit erlebt?
Die ersten 100 Tage waren sehr intensiv. Mir war es wichtig, zunächst das Rathaus gut kennenzulernen – die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Abläufe und die Strukturen, die unsere Stadt tragen. Parallel gab es viele Antrittsbesuche und Gespräche auf kommunaler, Landes- und Bundesebene. Diese Mischung aus Zuhören, Verstehen und ersten Weichenstellungen hat meinen Start geprägt

Sie sind inzwischen gut im Amt angekommen. War der Start so, wie Sie ihn sich vorgestellt haben?
Das kann man so sagen. Ein ruhiger Start war das am 1. November nicht. Bereits in den ersten Wochen standen Themen auf der Tagesordnung, die viele Menschen in Oer-Erkenschwick unmittelbar betreffen und entsprechend emotional diskutiert wurden. Das war herausfordernd – aber genau dafür bin ich angetreten: Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie nicht immer einfach sind.

Welche Themen meinen Sie konkret?
Ich denke hier vor allem an die notwendige Grundsteuererhöhung, die Diskussion um die Rettungsdienstgebühren und natürlich an ein Thema, das vielen Menschen besonders am Herzen liegt: den Nikolausumzug.

Für den Nikolausumzug haben Sie am Ende eine Lösung gefunden.
Ja. Gemeinsam mit meinem Team im Rathaus und vielen engagierten Helferinnen und Helfern ist es gelungen, kurzfristig ein schönes Nikolausfest auf dem Rathausplatz zu organisieren. Nach der teils sehr emotionalen Diskussion im Vorfeld war das positive Feedback am Ende für alle Beteiligten ein gutes Signal. Es hat gezeigt, was möglich ist, wenn wir gemeinsam anpacken.

Wird es in diesem Jahr wieder einen Nikolausumzug geben?
Wenn es nach mir geht, ja. Ich stehe hier klar an der Seite der Bürgerinnen und Bürger, insbesondere der Kinder und Familien. Gleichzeitig tragen wir als Stadt eine große Verantwortung für Sicherheit und Ordnung. Die Sicherheitslage hat sich leider nicht grundlegend verändert, deshalb müssen wir Vorgaben ernst nehmen.

Mein Anspruch ist es, beides zusammenzubringen: den Wunsch nach Tradition und Gemeinschaft und die notwendige Sicherheit. Wir werden frühzeitig mit den Planungen beginnen und alle Möglichkeiten prüfen, um am 5. Dezember wieder einen schönen Nikolaustag für unsere Kinder auszurichten – idealerweise auch mit einem Umzug.

Sie haben einen Zehn-Punkte-Plan angekündigt. Was steckt dahinter?
Der Zehn-Punkte-Plan ist kein starres Programm, sondern eine klare Orientierung. Er soll zeigen, in welche Richtung wir uns gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern, der Politik und den Mitarbeitenden im Rathaus bewegen wollen.

Die Wiederbelebung der Innenstadt ist eine große Herausforderung. Wie gehen Sie dieses Thema an?
Unsere Innenstadt ist das Herz unserer Stadt. Mir ist wichtig, hier realistisch und Schritt für Schritt vorzugehen. In vielen Gesprächen habe ich erfahren, was den Menschen besonders wichtig ist: Sauberkeit, Ordnung und das Gefühl, sich gern in der City aufzuhalten. Viele Bürgerinnen und Bürger wünschen sich Veränderungen, bringen aber zugleich Verständnis dafür auf, dass nicht alles sofort umsetzbar ist.
Wenn wir an diesen Stellschrauben drehen, entsteht wieder Lebensqualität. Unser Ziel ist es, die Innenstadt zu einem Ort des Verweilens für alle Generationen zu machen. Dazu gehören auch Themen wie das Wackelpflaster oder bauliche Fragen rund um das Klemm-Dreieck. Große Veränderungen brauchen Zeit, aber an vielen kleineren Punkten können und werden wir sofort ansetzen.

In der Bürgerschaft wird auch das subjektive Sicherheitsgefühl häufig angesprochen.
Das nehme ich sehr ernst. Sicherheit bedeutet für mich nicht, Angst zu schüren, sondern Verantwortung zu übernehmen. Wir wollen Prävention stärken und Ordnungspartnerschaften weiterentwickeln.
Ein konkreter Ansatz ist die Einrichtung eines kriminalpräventiven Rates. Dort sollen Polizei, Ordnungsamt, Schulen, Vereine und weitere Institutionen gemeinsam an einem Sicherheitskonzept arbeiten. Mir geht es darum, Probleme frühzeitig zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln – mit Augenmaß und im Dialog.

Welche Rolle spielen Kinder, Jugendliche und Familien?
Eine sehr große. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist mir eines besonders wichtig: Ich möchte nicht über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Stattdessen will ich sie frühzeitig einbinden, zuhören und verstehen, was sie wirklich bewegt. Deshalb habe ich mich bereits mit dem Kinder- und Jugendparlament ausgetauscht. Diese Gespräche sind für mich kein Pflichttermin, sondern eine wichtige Grundlage für politische Entscheidungen.
Mein Ansatz ist klar: erst zuhören, dann gemeinsam Lösungen entwickeln und diese anschließend konsequent umsetzen.

Und die älteren Menschen – welche Rolle spielen sie in Ihren Planungen?
Auch hier gilt für mich: Entscheidungen dürfen nicht am Schreibtisch entstehen. Ältere Menschen wissen selbst am besten, was sie brauchen, um gut und würdevoll in unserer Stadt leben zu können. Deshalb möchte ich den Dialog mit dem Seniorenbeirat und Vereinen wie zum Beispiel dem Club 50plus intensivieren und ihre Perspektiven stärker in Entscheidungsprozesse einbeziehen.

Welche Rolle spielen die Unternehmen in Ihrer Stadt?
Unsere Betriebe sind wichtige Partner für Oer-Erkenschwick. Sie bekennen sich zu unserem Standort und leisten einen zentralen Beitrag für die Entwicklung unserer Stadt.
Mir sind kurze Wege, Verlässlichkeit und ein offener Dialog besonders wichtig. Unternehmen brauchen Planungssicherheit, und daran wollen wir als Stadt arbeiten. Deshalb werde ich meine Betriebsbesuche fortsetzen und neue Austauschformate schaffen, etwa ein Unternehmerfrühstück. Ziel ist es, Synergien besser zu nutzen und gemeinsam an der Zukunft unseres Wirtschaftsstandorts zu arbeiten.
Mir geht es darum, Betroffene zu Beteiligten zu machen – das schafft Akzeptanz und bessere Lösungen.

Öffentliche Veranstaltungen sind zuletzt weniger geworden. Was möchten Sie ändern?
Wir haben bereits gute und etablierte Formate, etwa „OE schlemmt“ oder die vielen Veranstaltungen unserer Vereine. Das möchte ich ausdrücklich würdigen.
Darüber hinaus möchte ich prüfen, wie wir zusätzliche städtische Angebote schaffen können – zum Beispiel After-Work-Formate oder Veranstaltungen im Stadtpark. Mir geht es dabei vor allem um Begegnung und Gemeinschaft. Solche zentralen Angebote können auch dazu beitragen, unsere Innenstadt wieder stärker zu beleben und Menschen zusammenzubringen.

Sie haben mehr Bürgernähe versprochen. Wie setzen Sie das konkret um?
Bürgernähe bedeutet für mich, zuzuhören, zu verstehen und dann gemeinsam anzupacken. Wir werden das Bürgerbüro weiterentwickeln und digitale Beteiligungsmöglichkeiten stärker nutzen.
Genauso wichtig ist mir aber die persönliche Präsenz. Mit meinem Format „Mittendrin“ bin ich regelmäßig vor Ort bei den Menschen. Ein gutes Beispiel dafür war das Nikolausfest: Als es um die Frage ging, wie wir feiern können, haben wir bewusst Kinder und Eltern einbezogen und kurzfristig über 1.200 Briefe an Kitas verteilt.
Diese Form der Beteiligung – Betroffene einzubeziehen und mitzunehmen – ist die Art von Politik, die ich in Oer-Erkenschwick prägen möchte.

Zum Abschluss: Was dürfen die Bürgerinnen und Bürger von Ihnen erwarten?
Einsatz, Offenheit und klare Prioritäten. Mir ist wichtig, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern konkrete Verbesserungen auf den Weg zu bringen und unsere Stadt Stück für Stück voranzubringen. Dafür stehe ich.

Info
Stadt Oer-Erkenschwick

Rathausplatz 1
45739 Oer-erkenschwick

https://www.oer-erkenschwick.de/Inhalte/index.asp

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