Ursula („Uschi“) und Gerhard Heidrich wären für einen Roman der Bestseller-Autorin Rosamunde Pilcher spannende Stichwortgeber gewesen. Das Liebespaar erlebt sein Finale im Matthias-Claudius-Zentrum.
Ursula („Uschi“) und Gerhard Heidrich wären für einen Roman der Bestseller-Autorin Rosamunde Pilcher spannende Stichwortgeber gewesen. Die britische Meisterin von Liebesromanen hätte allerdings auf Schmalz und übriges Beiwerk komplett verzichten können. Die wahre Geschichte des Ehepaares hätte als Stoff allemal ausgereicht, um Herzen zu erwärmen. Statt in Pilchers bevorzugtem Cornwall spielt die Geschichte in Oer-Erkenschwick. Die beiden Protagonisten leben seit Juli 2022 im Matthias- Claudius- Zentrum, im Altenwohn- und Pflegeheim der Diakonie an der Halluinstraße.
Vorweg: Das Haus inhaltlich auf eine Senioreneinrichtung reduzieren zu wollen, greift zu kurz. Bereits beim Betreten des Gebäudes fühlen sich die Gäste willkommen – dafür sorgt schon allein die freundliche Dame am Empfang. Wer dann in der Eingangshalle den Hausprospekt oder die aktuelle Ausgabe vom „Heimkurier“ studiert, revidiert zwangsläufig bisheriges Wissen über Senioren-Herbergen. Attraktive Angebote in der Bildung, Kultur, Unterhaltung und nicht zuletzt das hervorragende Essen haben das „Claudius“, den öffentlichen Bereich des Altenzentrums, zu einer gefragten Adresse gemacht, auch in der Nachbarschaft.
Prima Figur
Doch zurück zur Liebesgeschichte von Ursula und Gerhard Heidrich. Sie beginnt vor 68 Jahren in Recklinghausen: „Gefunkt hat es zwischen uns in einer Kneipe.“ In Schmecklecker-Manier konkretisiert er: „Sie fiel mir durch ihre prima Figur auf.“ Halb lieb, halb energisch wiegelt die Bewunderte ab: „Ach Schätzelein!“ Um dann noch zu gestehen, dass ihr Gerhard „mein bislang erster und einziger Mann gewesen ist“. Um sich treffen zu können, muss Ursula mit ihrer Mutter paktieren. Für den Vater sind 18 Lebensjahre zu früh für eine Beziehung. Angebliche Besuche der Cousine Grete – so die Sprachregelung von Mutter und Tochter – müssen für die heimlichen Treffen herhalten.
Zweites Schlüsselerlebnis ist der Vorfall im Kaufhaus, wo die Angebetete arbeitet. Gerhard kommt hereingestürmt und fordert seine Freundin vernehmlich auf: „Komm Uschi, wir müssen sofort heiraten!“ Was damals für Umstehende als Synonym für eine beginnende Schwangerschaft ist, hat Folgen im Kollegenkreis: „Neugierige Blicke wollten fortan rauskriegen, wie sich mein Bäuchlein entwickelt.“ Was sich bis heute als immergrüner Running Gag in der Familie bewährt, hatte einen harmlosen Hintergrund: Gerhards Arbeitgeber hatte in seinem Haus für das Paar eine Wohnung freigehalten. „Und die durften wir zur damaligen Zeit nur als Eheleute beziehen.“
Längst angekommen
Die Heidrichs sind seit 64 Jahren glücklich verheiratet. „Wir machen erst mal bis zu meinem 90. Geburtstag und dann schauen wir weiter“, schmunzelt der 88-Jährige. Mit Ehefrau Ursula lebt er Tür an Tür im Claudius. Die hellwache 84-Jährige kommt wie eine Influencerin herüber, wenn sie nach ihren Eindrücken befragt wird: „Alles super hier. Es gibt nix zu meckern.“ Der Ehemann sekundiert, lobt die rundum gute Versorgung. Er fasst zusammen: „Hier sind wir zuhause.“
Das Ehepaar nimmt aktiv am Leben im Matthias-Claudius- Zentrum teil, etwa bei den Feiern wie Karneval. Die Leiterin vom „Sozial Begleitenden Dienst“, Birgit Weu, berichtet: Frau Heidrich wirkt besonders engagiert im Haus mit. Sie gilt hier schon als Schwester Ursula.“ Beim Abschied verrät Gerhard Heidrich wunschgemäß noch das Erfolgsgeheimnis einer so langen glücklichen Beziehung: „Wir haben das nur bewältigt, weil wir nie knatschig ins Bett gegangen sind. Probleme haben wir immer vorher im Gespräch geklärt.“