Zum Inhalt springen
Hüterin der Zeitgeschichte
Foto: André Chrost

Hüterin der Zeitgeschichte

Lesedauer: ca. 2 Min. | Text: Dinah Bronner

Verborgene Gewölbe und einsame Flure hinter schweren Stahltüren – tief unten, in den düsteren Kellern des Willy-Brandt-Gymnasiums befindet sich das Stadtarchiv.

Geheimnisvolle Artefakte in verborgenen Kellern einer Schule? Nein, hier wohnen nicht Hagrid und Dumbledore aus Harry Potter, hier arbeitet Bettina Lehnert, Stadtarchivarin mit Herz und Seele. Eine schaurige Überraschung hält sie allerdings trotzdem bereit, wenn man zum ersten Mal ihren Arbeitsort in den Kellern des städtischen Gymnasiums besucht: „Für viele junge Menschen ist es vielleicht heute undenkbar, aber tatsächlich ist die gesamte Schule mit einem 60erJahre- Atomschutzbunker unterbaut“, verrät sie beim Gang durch die dunklen Flure. Über 60 Räume mit verbleiten Türen und Orientierungsleuchtstreifen verbergen sich hier. „Ein sogenanntes Hilfskrankenhaus“, erklärt sie, „das über Jahrzehnte lang einsatzbereit gehalten wurde für den befürchteten Supergau eines kalten Kriegs“.

Zwischen Erinnerung und Zukunft

Heute finden Röntgenstationen und Co. als bedeutende Aufbewahrungsorte Verwendung:
Rund 30.000 verzeichnete Archivalien der städtischen Zeitgeschichte werden hier fachgerecht gelagert, darunter Akten, Urkunden, Fotos, Dias, Bücher, Pläne und Sondersammlungen. „Zu den ältesten Schriften hier gehören die Aufzeichnungen des Oerer Pastors Schmitz aus dem 18. Jahrhundert, als die Stadt noch längst nicht Oer-Erkenschwick hieß“, so die Archivarin stolz. Im Büro herrscht derweil buntes Chaos – „viele Gegenstände sind noch nicht gesichtet, ich nehme mir immer Zeit dafür – nicht, dass uns etwas Wertvolles verloren geht“, schmunzelt sie. Die Dokumente, die sie durchforstet, stammen sowohl aus städtischer als auch aus privater Hand. „Akten aus der Stadtverwaltung werden nach Ablauf ihrer regulären Aufbewahrungsfrist entsorgt. Diese sichte ich und filtere die zeitgeschichtlich wichtigsten heraus.“ So habe sie direkten Einfluss auf das städtische Gedächtnis.

Geheime Familiengeschichten

„Dasselbe gilt für Urkunden aus privatem Besitz – ich rufe immer dazu auf, vor dem Entsorgen alter Familienschriften und -Dokumente bei mir anzurufen. Natürlich sammelt sich da Hüterin der Zeitgeschichte Verborgene Gewölbe und einsame Flure hinter schweren Stahltüren – tief unten, in den düsteren Kellern des Willy-Brandt-Gymnasiums befindet sich das Stadtarchiv. vieles an – aber ich will auch immer alles haben“, lächelt Bettina Lehnert. Neben dem klassischen Archivieren gehören auch Dienstleistungen dazu: „Private Recherchen sind immer sehr spannend – zum Beispiel Erbschaftsansprüche, Ahnenforschung oder Familienzusammen-
führungen.“ Das Recherchieren und Herstellen von Querverbindungen sei wie ein Puzzlespiel, sagt sie. „Einmal hat eine Frau ihren Vater gesucht und auch gefunden“, erzählt die 61-Jährige. Gerade in Coronazeiten seien viele auf die Idee gekommen, sich mit der Vergangenheit ihrer Familie zu beschäftigen. „Als Familien um ehemalige Heimkinder vor einiger Zeit eine Opferentschädigung zugesprochen wurde, mussten einige Menschen ganz konkret nachweisen, dass sie davon betroffen waren – das war zum Teil knifflig und ging auch nah.“

Für die Zukunft lernen

„In einem Kooperationsprojekt mit zwei Geschichtskursen der Christoph-Stöver-Realschule
und des Willy-Brandt-Gymnasiums war ich zuletzt auch an der Konzeptionierung einer Gedenkstätte zur Zeit der Zwangsarbeit in Oer-Erkenschwick beteiligt“, erzählt sie. So unterstützte sie Schülerinnen und Schüler in ihrer Recherche zu den ehemaligen Zwangsarbeiterlagern während des Zweiten Weltkriegs, aus der letztendlich der neue Erinnerungsort am heutigen Lehrpfad neben der Feuerwache hervorgegangen sei. Im April wird er offiziell eröffnet. Auch als Referentin für Vorträge wird Bettina Lehnert regelmäßig geladen. Die gesamte Öffentlichkeitsarbeit liegt ihr besonders am Herzen: „Ich arbeite viel mit Schulen zusammen und bilde regelmäßig Praktikantinnen und Praktikanten aus“, sagt sie. Im Januar soll es damit wieder losgehen. „Es ist doch wichtig unsere Historie nachhaltig zu bewahren, damit wir für unsere Zukunft lernen.“

Info
Stadtarchiv Oer-Erkenschwick

Das Stadtarchiv Oer-Erkenschwick kann mit vorheriger Anmeldung besucht werden.
Anfragen unter 02368 2572.

Artikel teilen:

Mehr aus Ihrem Vest: